Donnerstag 20.06.2013

Technik & Web

NECKERMANN-ANALYSE | 04.05.2012

"Neckermann hat viel Geld verbrannt"

Handelsexperte und Ex-Arcandor-Manager Jörg Funder spricht im Interview über das neue Online-Konzept des Versenders Neckermann und über die Stolperfallen auf dem Weg zur Restrukturierung.

Neckermann gibt die Logistik auf. Foto: Neckermann

Neckermann gibt die Logistik auf. Foto: Neckermann

+

Neckermann steckt in der Krise und entlässt 1.400 Mitarbeiter. War das vorherzusehen?
Dass Neckermann in Schwierigkeiten steckt, steht lange fest. Die Geschäftsführung hat viel Geld verbrannt, zuletzt fehlten die Marketing-Anstöße für das Kataloggeschäft, das nun eingestellt wird. Da hat der Investor die Notbremse gezogen.

Nun soll Neckermann zum reinen Onlinehändler mutieren. Ist das neue Konzept erfolgversprechend?
Auf den boomenden Onlinehandel zu setzen, ist sicher richtig. Allerdings halte ich das Konzept, im Textilbereich ausschließlich mit Vertriebs- und Markenpartnern zu arbeiten, für gefährlich. Dadurch minimiert Neckermann zwar das Risiko, auf Warenbeständen sitzenzubleiben. Andererseits verliert der Versender deutlich an Profil und wird zur reinen Verkaufsplattform. Warum soll man Textilien künftig bei Neckermann kaufen? Zudem ist Mode häufig das Einstiegssortiment für Kunden, die später größere Anschaffungen tätigen, etwa Möbel. Diese Sortimentswanderung wird es künftig kaum noch geben.

Macht es Sinn, die Sortimente Möbel und Unterhaltungselektronik auszuweiten?
Hier setzt Neckermann auf Sortimente, die den Cashflow des Unternehmens nicht so stark belasten. Möbelstücke etwa haben lange Lieferzeiten und müssen nicht immer auf Lager vorhanden sein. Unterhaltungselektronik wird oft aus Industrielagern verschickt. Aus der Sicht der Finanzabteilung macht das also Sinn. Ob die Kunden das honorieren, bleibt abzuwarten.

Was halten Sie davon, dass Neckermann die Logistik dicht macht?
In einer Zeit, in der große Onlinehändler wie Amazon oder eBay in die Logistikprozesse investieren, ist diese Maßnahme schwer zu verstehen. Denn erfolgreiche Onlinehändler beherrschen minuziös alle Prozesse der Lieferkette. Otto hat dafür sogar eine eigene Tochter. Dadurch geht Neckermann wertvolle Logistikkompetenz verloren, auch wenn die Ausgangslogistik in Frankfurt zugegebenermaßen stark veraltet ist.

Prof. Dr. Jörg Funder

Prof. Dr. Jörg Funder

+

Otto muss ebenfalls restrukturieren. Kann man beide Versender vergleichen?
Überhaupt nicht. Denn Otto handelt strategisch. Bei Neckermann regiert eher die Panik.

Prof. Dr. Jörg Funder ist Professor für Unternehmensführung im Handel und geschäftsführender Direktor des Instituts für Internationales Handels- und Distributionsmanagement (IIHD) an der Hochschule Worms. Funder arbeitete lange Jahre in Führungspositionen mehrerer Handelsunternehmen, darunter auch von 2006 bis 2008 im Arcandor-Konzern.

Interview: Marcelo Crescenti

Anzeige

 


Diesen Artikel verlinken:

Impressum | Datenschutz | Kontakt

Copyright: Deutscher Fachverlag GmbH; Anregungen & Kommentare an info@derhandel.de
Credits: Konzept & Layout SamArt Gbr
Credits: Konzept, Projektmanagement, Programmierung und technische Realisation dfv Internet-Service

Anzeige

 

Anzeige

 

Printausgabe

Der Handel Ausgabe 06/2013

Die neue Ausgabe vom Wirtschaftsmagazin Der Handel ist erschienen!

zum Inhalt »
Infos zum Abo »

 

Tarifrunde

Tarifrunde im Einzelhandel: Verdi will mehr Gehalt, der HDE eine neue Entgeltstruktur. Was meinen Sie?

Der HDE will nur die Löhne drücken.
Der Tarifvertrag muss modernisiert werden.
Der Gesetzgeber soll einen Mindestlohn festlegen.
Zur Ergebnissseite »